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Interview

mit einer Mitarbeiterin aus Medellin

Unsere Schule unterstützt seit 1980 die gemeinnützige Organisation "Superarse" (bedeutet auf deutsch: sich selbst übertreffen) in der kolumbianischen Stadt Medellin mit Sach- und Geldspenden (bisheriger Wertumfang etwa 150.000 Euro). Die gespendeten Beträge kommen von verschiedenen Klassenaktionen, aus der Elternkasse und vom Freundeskreis. Das Projekt fördert die Einsicht in die Relativität der eigenen Lebensumstände bei den Mitgliedern der Schulgemeinde, die Weiterentwicklung des sozialen Engagements und die Teilhabe der Schule an der weltweiten Solidarität mit den am stärksten Benachteiligten auf unserer Erde.

Frau Kraft-Schwenk betreut schon seit einigen Jahren dieses Projekt. Im Jahr 2004 kam eine Mitarbeiterin von "Superarse" nach Reutlingen und stand Frau Kraft-Schwenk Rede und Antwort.

Christa Kraft-Schwenk (Krf): Blanca Luz, ich freue mich sehr, dass Sie mit Ihrem Mann aus Medellin zu uns gekommen sind. Sie sind die erste Mitarbeiterin von Superarse, die wir hier in Reutlingen empfangen dürfen.

Blanca Luz (B.L.): Ja, es ist schön hier zu sein. Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal nach Deutschland kommen würde. Nun sind wir in Michelstadt bei Ursel Seifert und hier bei Ihnen so freundlich aufgenommen worden. Wir freuen uns sehr, dass wir das IKG, das unser Heim nun schon so lange unterstützt, und Reutlingen kennen lernen können.

Krf: Unsere Schulkinder und ihre Eltern interessieren sich sehr für Superarse. Nun können sie Genaueres über das Heim erfahren. Wie viele Kinder werden von Superarse betreut?

B.L.: Das Kinderheim "Superarse" hat derzeit 50 Straßenjungen aufgenommen. Sie leben nach Alter getrennt in zwei Häusern. Die Häuser haben "offene Türen", d.h. niemand wird gezwungen zu kommen oder zu bleiben. Wem es nicht gefällt oder wer sich nicht an die Regeln halten will, darf wieder gehen. Da das Heim den Jungen Sicherheit gibt, die sie vorher nicht hatten, bleiben sie meist. Die Einsamkeit, die sie vorher auf der Straße fühlten, wird durch die Geborgenheit im Kinderheim ersetzt. Deshalb bleiben sie.

Krf: Wissen die Jungen von dem Heim und kommen selbstständig, in der Hoffnung aufgenommen zu werden?

B.L.: Die Jungen werden in der Regel von der Polizei irgendwo in der Stadt, meist auf der Straße oder an Bushaltestellen aufgegriffen. Oft sind sie zunächst bei Nachbarn, die auch andere verwaiste Kinder haben. Wenn es möglich ist, bleiben sie dort zuerst, solange nach ihrer Familien gesucht wird. Erst wenn keine Verwandten gefunden werden, die die Kinder wieder nehmen können, werden sie im Heim akzeptiert. Die Jungen sind nicht straffällig geworden. Es sind keine vorbestraften Kinder. Das Heim dient ausschließlich als Präventionsmaßnahme.

Krf: Unsere Schüler/innen wollen immer wieder wissen, ob im Heim auch Mädchen untergebracht sind.

B.L.: Im Heim hat es keine Mädchen, da diese von der Gesellschaft, sprich meist von der Verwandtschaft oder von Nachbarn, stärker beschützt werden. Es gab schon Mädchen im Heim in einem eigenen Haus. Sie gingen aber so oft zurück, dass der Wechsel zu groß war. Deshalb werden im Moment keine Mädchen aufgenommen.

Krf: Von wem werden die Jungs betreut? Wie viele Mitarbeiter hat Superarse?

B.L.: Die Jungen leben in Superarse meist zu fünft in einem Zimmer, d.h. jedes der beiden Häuser hat fünf Schlafzimmer. Die Kinder werden rund um die Uhr in mehreren Schichten von einem/einer der vier angestellten Erzieher/innen betreut. Diese Erzieher sind Supervisoren für die drei Sozialarbeiter, die auch regulär angestellt sind und bezahlt werden. Einer dieser Sozialarbeiter ist überwiegend damit beschäftigt, die Familien der Kinder zu suchen, sobald diese bei uns angekommen sind. Wenn die Mütter gefunden werden, versucht man die Kinder in die Familien zurückzuschicken. Manche Familien freuen sich sehr, wenn sie ihre Jungen wiederfinden, andere wollen die Kinder lieber nicht wieder haben. Zu bestimmten Zeiten, z. B. wenn die Kinder aus der Schule zurückkommen, sind mehrere Sozialarbeiter/innen anwesend, um für Fragen und Probleme bereit zu sein.

Krf: Wenn ich es richtig weiß, sind Sie selbst aber nicht offiziell angestellt.

B.L.: Da haben Sie recht. Für besondere Aufgaben gibt es unbezahlte Freiwillige, wie mich. Ich erledige Aufgaben, die zusätzlich anfallen. Ich gehe zum Beispiel mit den Kindern zum Arzt oder übernehme auch Gespräche mit den Lehrern, wenn es mit dem Schulbesuch oder dem Verhalten in der Schule Probleme gibt.

Insgesamt wird das Heim von einem Vorstand, der aus zwölf Personen besteht, geleitet. Ich gehöre zum Vorstand und arbeite seit 33 Jahren im Heim. Außerdem sind eine Direktorin und eine Sekretärin angestellt, eine Verwaltungsangestellte für die Buchhaltung und eine Sozialfürsorgerin, die auch mit der Behörde (Bienestar Familiar heißt die Behörde, die die staatliche Hilfe verteilt) verhandelt. Weiterhin arbeitet ein Psychologe mit den Kindern, der Beratungs-und Therapiegespräche zu sehr günstigen Konditionen für das Heim anbietet. Eine Ernährungsberaterin stellt das Essen für die Kinder zusammen. In jedem der beiden Häuser arbeiten zwei Haushaltshilfen, wobei eine für das Essen zuständig ist, die andere fürs Putzen und Waschen. Die Jungen werden allerdings auch angehalten, teilweise selbst ihre Sachen zu waschen.

Krf: Wie wird eine so sorgfältig geleitete Einrichtung finanziert?

B.L.: Finanziell wird das Heim vom Staat Kolumbien getragen, d.h. für jedes Kind erhält das Heim einen bestimmten Betrag. Es erhält aber auch finanzielle Zuwendungen von Privatpersonen und Unternehmen, wodurch die Leistungen und Räumlichkeiten verbessert werden können. Dennoch können zusätzliche Leistungen - wie z.B. die Ferienverschickung – nicht davon bezahlt werden.

Krf: Dafür werden dann die Gelder aus Reutlingen verwendet?

B.L.: Ja. Das Geld, mit dem das Reutlinger IKG Superarse unterstützt, wird überwiegend für die Ferienverschickung der Kinder nach Sopetrán verwendet, einer kleinen Bauernsiedlung, die am Ufer des Rio Cauca, einem der größten Flüsse Kolumbiens, liegt. Dort ist es viel wärmer als in Medellin. Die Jungen können also durchaus ein Sommerferiengefühl entwickeln.

Fünf Mal im Jahr besuchen Mitarbeiter von Superarse das Dorf, um geeignete Familien für die Jungen zu finden. Die Familien werden sorgfältig ausgesucht. Kriterien sind unter anderem: Die Vollständigkeit der Familie, d.h. die Familie sollte aus Vater, Mutter und Kindern bestehen, damit die Heimjungen ein normales Familienleben kennen lernen. Jedes Kind sollte ein eigenes Bett haben und eine Dusche muss vorhanden sein. Die Kinder werden den Familien möglichst passend zugeordnet, wobei u.a. das Alter der Kinder eine Rolle spielt und ansonsten der persönliche Eindruck der Mitarbeiter. Falls ein Kind trotzdem nicht zu einer Familie passt, kommt es im folgenden Jahr in eine andere Familie. Es können auch mehrere Heimkinder in einer Familie untergebracht werden. Mit den Familien wird ein Vertrag gemacht. In ihm wird bestätigt, dass die Kinder in den Familien sein dürfen und dort rechtmäßig aufgenommen worden sind. Die Familien erhalten gewisse Instruktionen, wie sie die Kinder behandeln sollen: Sie sollten kein anderes Essen erhalten als das, was die Familie auch isst, sie sollen also essen, was auf den Tisch kommt. Die Kinder müssen im Haushalt und in der Landwirtschaft übliche Tätigkeiten verrichten, sie sollen also nicht nur Gast sein, sondern als Familienmitglieder integriert werden. Dazu gehört auch die Mithilfe beim Verkauf der Produkte auf dem Markt. Außerdem dürfen sie nicht allein ins Zentrum und sich in Lokalen herumtreiben und auch nicht die anderen Heimkinder, die weiter weg bei anderen Familien untergebracht sind, allein und ungefragt besuchen. In Sopetrán gibt es eine Lehrerin, die als Supervisorin tätig ist, die die Kinder reihum besucht, mit ihnen und den Familien spricht und Konflikte zu beseitigen hilft.

Krf: Wie kam es denn zu dieser Ferienverschickung? Andere Heime bieten diese Besonderheit ja nicht an.

B.L.: In unseren großen Ferien muss das Heim aus Kosten Gründen komplett geschlossen werden. Das heißt, die Jungen ständen wieder auf der Straße, wenn sie nicht anderswo untergebracht werden könnten. Also haben wir uns nach anderen Möglichkeiten umgesehen. Eine Mitarbeiterin, die aus Sopetrán stammt, hat vor acht Jahren deshalb zum ersten Mal acht Kinder über die Ferien mitgenommen. Etwa 36 der Jungs gehen in ihren großen Ferien nach Sopetrán, und zwar eine Woche nach Beendigung der Schule. In der ersten Ferienwoche müssen sie das Heim säubern und aufräumen. Am 8. Dezember ist Abfahrt. Die Jungen bleiben in den Familien bis Ende Januar. So lange ist Superarse komplett geschlossen. Nur eine Alarmanlage, die direkt mit der Polizei verbunden ist, funktioniert. Nach Weihnachten scheint es in Medellin so zu sein wie bei Ihnen hier im August: Alle sind im Urlaub. Ende Januar, zwei Wochen vor Beginn der Schule, kehren die Jungs aus Sopetrán zurück.

Krf: Können Sie uns noch sagen, was das Heim für den Aufenthalt in einer Familie pro Kind bezahlen muss?

B.L.: Für jedes Kind muss das Heim etwa 117 Euro bezahlen. Davon gehen 60 Euro an die Familien. Der Rest ist für die Busfahrt, die Ausstattung der Kinder und anderes. Die Familien bekommen die Hälfte des Betrages zu Beginn der Ferien und den Rest am Ende des Aufenthalts.

Krf: Darf ich noch einmal kurz zusammenfassen, wofür das Geld verwendet wird, das unsere Schülerinnen und Schüler, wie auch ihre Eltern spenden bzw. durch Verkäufe auf dem Weihnachtsmarkt, musikalische Darbietungen u.a. erwirtschaften. Es wird benötigt für:

  • die Ausstattung der Kinder mit Sommerkleidung: Badehosen, kurze Hosen, Sonnenhüte, leichte Schuhe, kleine Geschenke für die Familien zu Weihnachten etc.
  • die Fahrtkosten für die Busse
  • die Bezahlung für die Supervisorin
  • das Geld für die Familien

Falls etwas Geld übrig bleibt, soll noch ein Basketballkorb mit Ständer angeschafft werden, damit die Jungs sich auch sportlich austoben können.

14 der Kinder haben Verwandte, bei denen sie in den Ferien bleiben können. Das sind häufig Großmütter oder Großeltern, zu denen man die Jungen schicken kann. Diese erhalten den gleichen Geldbetrag wie die Gastfamilien, da sie meisten so arm sind, dass sie sonst die Kinder nicht aufnehmen könnten.

Blanca Luz, ganz herzlichen Dank für die ausführlichen Informationen. Ich finde, die Jungen von Superarse werden sehr sorgfältig und ausgesprochen professionell betreut. Es ist wunderbar, wie man mit ihnen in Superarse umgeht. Die Bilder, die wir immer wieder bekommen, zeigen meines Erachtens auch, dass sie sich wirklich wohl fühlen.

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